Home Contact Recipes About

Rosige Aussichten

tierfreitag

(This post is a contribution to tierfreitag, a website and ever growing collection of articles by the Austrian food journalist and author Katharina Seiser. The German name of her site, tierfreitag, has two meanings: “Animal Friday”, but also “the day on which animals are off” (the duty to serve us as food, that is). Seiser invites people to – on Fridays – either post (in German language, please) animal free recipes (with no substitutes!) or descriptions of farms and concepts that treat animals in a respectful and great way. I will translate this post into English very soon. Thanks for your patience and interest. And thank you for tierfreitag, Katharina. It is a great source of information and inspiration.)

 

Dominique Huhn, Ur Rasse

Auf dem Hof leben Hühner und Gockel, Fleischrinder und Milchkühe, Schweine und ein paar Esel. Dem Federvieh steht ein Stall zur Verfügung, plus ein alter, in ein Legehaus umgebauter Lastwagen. Für die Schweine, Rinder und Kühe gibt es einfache, aber geräumige Unterstände. Die Esel geben sich mit der offenen Weide zufrieden. Das kleine Wohnhaus wird auf drei Seiten von Beeten umsäumt. Da wachsen Gemüse, Kräuter und farbenprächtige Blumen.

Alles normal, alles bekannt, alles so, wie es auf einem Hof eigentlich sein sollte. Nur, dass das hier noch ein schönes Stückchen weiter reicht. – Rosy Tomorrow’s Heritage Farm (Rosiges Morgen Ur-Rassen Hof), grob ausgedrückt auf halber Höhe an der Westküste des “Vertikalstaates” Florida, USA, gelegen, beherbergt ausschliesslich Nutztier-Gattungen, welche entweder auf der Bedrohten-Liste geführt oder für ihre hervorragenden charakterlichen und ertragsmässigen Qualitäten bekannt sind.

Das Geflügel ist Dominique, die allererste Hühner Rasse, welche um 1750 aus Haiti überhaupt an die Ostküste Amerikas gelangte. Diese Tiere sind fähig, in extremen Temperaturen – was im Fall von Florida grosse Hitze, kombiniert mit sehr hoher Luftfeuchtigkeit bedeutet – nicht nur zu überleben, sondern in ihnen sogar gut zu gedeihen, ordentlich Eier zu legen und begehrtes Fleisch zu produzieren.

Die Rinder, Brangus, eine Kreuzung zwischen Brahman und Angus, sind einheimische Floridianer und somit an den sandigen Boden und die ausserordentlichen Wetterumstände bestens gewöhnt. Brangus sind hohe, massive Tiere mit wunderschönen Hörnern – welche sie auf Rosy Tomorrow’s selbstverständlich behalten dürfen – und gelten als Fleischlieferanten erster Güte. Die Tatsache, dass alle Tiere sich ausschliesslich von Muttermilch und Weidegras ernähren, erhöht das Qualitäts-Level zusätzlich. Die Milchkühe sind Jerseys, renommiert für schön fette und aromatische Milch.

Red Wattle Schwein

Die Schweine auf Rosy Tomorrow’s gehören zu der vom Aussterben bedrohten Rasse Red Wattle. Sie massiven, bis zu 350 Kilogramm schweren Tiere sind in borstiges, rötlich-braunes Fell gekleidet und haben an jeder der beiden Gesichtsbacken einen Fleischlappen hängen. Sie verfügen über einen friedliebenden Charakter, sind hervorragende Jäger und ausserordentlich anpassungsfähig. Das Fleisch der Red Wattle gilt als zart, mager und extrem aromatisch.

Die Miniatur Esel, welche erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem mediterranen Raum nach USA gebracht wurden, übernehmen auf dem Hof sozusagen die Aufgabe der Vogelscheuchen: Kojoten, Luchse und andere Tiere der Wildnis, welche Rosy Tomorrow’s animalischen Hofbewohnern gefährlich werden können, lassen sich von den wundersam ruhigen Eseln beeindrucken und abschrecken.

Nicht nur die Rassen, welche auf dem rund halb Quadrat Kilometer grossen Stück Land leben, sind speziell. Auch die Geschichte des Hofes und das Konzept, nach dem er bewirtschaftet wird, hören sich aussergewöhnlich an. “Die Zeit ist reif”, erkannte Rose O’Dell King, die Anfang Sechzigerin, welche hinter dem Unternehmen steht, zu Beginn des letzten Jahres. Und beschloss, ihrer Heimat, Süd-West Florida, und sich selbst endlich ehrliches Fleisch (und, zu einem späteren Zeitpunkt, auch andere Hof-Produkte) anzubieten. Dass sie zwar eine passionierte Köchin, Geniesserin, Food Journalistin, ausgebildete Sommeillère sowie engagierte Advokatin für saubere Lebensmittel und ganzheitliches Ess-Verhalten ist, jedoch mit Agrikultur noch nie professionell zu tun gehabt hatte, beeindruckte Rose nicht. Sie baute sich ein Netzwerk von Bauern, Uni-Professoren, Spezialisten, Tier-Verkäufern und Schwer-Arbeitern auf, begann zu fragen, recherchieren und lernen. Und kaufte, sobald sie sich sattelfest fühlte, erst das Land, und hernach die Tiere.

Gearbeitet wird nach wenigen, aber klaren Kriterien: Keine künstliche Zufütterung, weder der Tiere noch des Bodens. Also kein Kraft-Futter, keine Pestizide. Aufteilung des Landes in verschiedene Weiden, so dass immer ein Teil des Bodens genutzt und ein anderer geschont werden kann. Geschlachtet wird ausschliesslich auf dem Hof. Rose lässt einen Spezialisten her kommen, der die bestimmten Tiere tötet, dann in seinem Lokal das Fleisch säubert, portioniert, verpackt und zurück an Rosy Tomorrow’s liefert.

Miniatur Esel

Inmitten der Weiden hat die Neu-Bäuerin einen sogenannten Pavillion errichtet. Eine Holz-Konstruktion in der Dimension einer Turnhalle, welche auf den Seiten lediglich mit feinstem Gittergeflecht (gegen die Insekten) überzogen ist. Innendrin gibts eine restaurant-taugliche Küche, die Profi-Köche träumen macht, und jede Menge Raum. In diesem überdachten Open Air Saal veranstaltet Rose Gast-Koch-Nächte, Kurse und einen Samstags-Brunch. Und mittwochs wird der Pavillon in einen Hof-Laden verwandelt. Da gibt es ausser ihren eigenen Produkten – im Moment Fleisch, Eier, Gemüse, Limonade und Kräuter-Mischungen, später sollen auch Milch, Yoghurt und Frischkäse dazukommen – Brot, gluten freie Gebäcke und Getränke, Käse und Eingemachtes zu degustieren und kaufen. Und für die Hungrigen und Wundrigen bereitet jede Woche ein anderer Koch aus der Region ein Mittagessen.

Guest chef Sara Gruenfeld

Kein Wunder, fühlt Rose sich “wie im Rausch”. Innerhalb weniger als eines Jahres hat sie einen Herzens-Traum erst in ein Konzept und dann auch gleich in Realität umgesetzt. Und zwar äusserst erfolgreich. Bereits kaufen nicht nur Privat-Kunden, sondern auch Restaurants ihr Fleisch von Rosy Tomorrow’s. Und das in einer Region der USA, in der Slow Food als Fremd-, wenn nicht Schimpfwort gilt und Quantität den meisten Konsumenten (leider) immer noch weit wichtiger ist als Qualität. “Wir werden die Welt verändern”, sagt sie. Zwar lachend, aber zweifellos nicht ohne Überzeugung. Die Bestimmtheit in ihrem Blick verrät das.

Eber auf dem Hof

Sowie Tatsache, dass Rose bereits weiss, welche Ziegen- und Schaf-Rassen sich für Rosy Tomorrow’s Heritage Farm am besten eigenen würden. – Freut Euch, Hühner, Kühe, Schweine und Esel, Ihr werdet bald mehr Freunde bekommen. Und freut Euch, Geniesser des Essens, das Sinn macht. Rosy Tomorrow’s ist erst am Anfang. Da wird noch viel Gutes und Genüssliches passieren.

Bangus cows